Originale und Histörchen aus der Stadt an Rhein und Wied

Das Neuwieder Straßensänger-Original

 

Wittmanns Ann

Es gibt wenig Neuwieder Frauen, die aus dem gesellschaftlichen Abseits kommen und ein Bild im Menschen prägen, das nach langen Jahren immer noch leuchtet. Frauen, die gewirkt, selbständig etwas bewegt und ganz selbstverständlich das getan haben, was aufmerken ließ - Frauen wie Wittmanns Ann.

Wittmanns Ann von Kindern umringt

Kaum ein älterer Eingesessener weiß nicht auf Anhieb zu berichten, wie die Frau in der "Kiddelscherz", mit Handtasche und Gitarre, an der bunte Bänder baumelten, singend durch die Straßen der Stadt zog, auf Fest- und Rummelplätzen mit ihren Liedern für Stimmung sorgte oder in einer Straßwirtschaft beim Winzerfest mit ihrem Gesang die Herzen öffnete und das Gemüt der Menschen ansprach.

Dabei konnte sie weder "richtig" singen, noch gar ihr Instrument spielen ...

"Et wor bekannt en Stadt on Land, off Kärmes iwwerall,
en ahle Frau met Kiddelscherz, et Wittmanns Ann genannt.
Et hät gesunge iwwerall, kän Geld, kän nix gekrescht,
et hät et änfach gern gedon, et wor en gode Täsch ..."

Mitten in der Zeit des großindustriellen Aufbruchs und der immer brennender werdenden Arbeiterfrage wurde am 10. November 1887 Anna Römer in Neuwied geboren. Als uneheliches Kind ihrer namensgleichen Mutter Anna Römer, die bereits vor Ausbruch des 1. Weltkrieges, im Jahre 1913, im Krankenhaus des Neuwieder Frauenvereins verstarb, und des 22 Jahre älteren Ehemanns Joseph Noll, wuchs die junge Anna Römer im katholischen Hause ihres Stiefvaters zusammen mit den Kindern aus dessen erster Ehe auf.
Trotz fleißiger und unermüdlicher Arbeit war es den Eltern nicht möglich, die zahlreichen Talente des aufgeweckten Mädchens Ann zu fördern.
Ann galt in der Schule als ein "Strubbes", ein sicht selbst behauptendes Individuum. Nie fürchtete sie sich vor Stärkeren oder "höheren Tieren", und sie behielt diese Eigenschaft bis ins hohe Alter.

Wirtschaftliche Not

Wie so viele junge Frauen in der damaligen Zeit um die Jahrhundertwende, so war auch Ann gezwungen, nach dem Schulabschluß am knappen Lebensunterhalt ihrer Familie mitzuarbeiten. An eine berufliche Ausbildung war somit nicht zu denken.

Die Ehe mit Johann Wittmann war nur kurz. Einige Jahre nach ihrer Eheschließung verstarb er und hinterließ eine junge Witwe mit drei kleinen Kindern. Was blieb, war die schiere wirtschaftliche Not. Ob das ein Grund für die Ehe mit Wilzbach war, bleibt nur zu vermuten. Die Verbindung scheiterte bald, das Paar trennte sich nach kurzem Zusammenleben. Das Schicksal meinte es nicht gut mit Ann, denn eine kleine Tochter ertrank bereits im Kindesalter, und ihr Sohn, Hans Wittmann, verstarb im Alter von 31 Jahren am 4. August 1943 an einer Kopfverletzung in einem Feldlazarett.

"Gesangskarriere"

Von Anns Leben gibt es nur wenig Literarisches und die schon blasser werdenden Geschichten aus der Erinnerung der Neuwieder vermitteln nur einen lückenhaften Eindruck.

Zu Beginn ihrer Auftritte hatte sie noch einen Partner, der sie instrumental begleitete. Offensichtlich war es dieser Partner, der sie zu ihrem anfänglichen Tingeln führte.

Vor dem 2. Weltkrieg brachte das Duo vornehmlich gemütvolle Lieder zu Gehör. Dazu kamen bekannte Schlager, mit denen die beiden während des Krieges auch die Soldaten im Lazarett aufmunterten und später Frauen und Kinder in Luftschutzkellern.

Unstimmigkeiten der beiden führten wohl zur Trennung, und Ann kaufte sich eine Gitarre und trat fortan als Alleinunterhalterin auf.

Praktische Nächstenliebe

Anns Trieb zur praktischen Nächstenhilfe war bis zuletzt ihr Anliegen bei all ihren Gesangsaktivitäten. Was sie an "Lohn" erhielt, versprach sie, an Bedürftige und Kinder weiterzugeben. Und sie hielt ihr Wort. Den größten Teil ihrer Einnahmen verschenkte sie an das Waisenhaus, an minderbemittelte Familien und an das Altenheim in Neuwied. Soldaten erhielten von ihr kostenlos Zigaretten. Mit ein paar Bonbons und Eßbarem vermochte sie besonders Kindern eine Freude zu bereiten.

Als einmal die Deichwehr bei schnell steigendem Hochwasser eine Nacht bis zum Umfallen schuftete, war Ann die erste, die den Männern Zigaretten und einen Schluck Schnaps brachte.

Singende Lebenskünstlerin

Am 3. März 1961 wurde Ann, "die gutherzige Neuwieder Sonderausgabe eines singenden Lebenskünstlers" auf dem Friedhof an der Elisabethstraße in Neuwied beigesetzt. Noch viele Jahre später war die Anhängerschar dieser populären Straßensängerin groß. Der Steinmetz und Bildhauermeister Erich Piotrowski und seine Mitarbeiter schufen ihr aus diesem Grunde 1979 einen besonderen Gedenkstein mit einer Gitarre darauf, für ihr bis dahin schmuckloses Grab. All dies hinderte die zuständige Friedhofsverwaltung nicht, das Grab nach Ablauf der "Liegezeit" einzuebnen. Niemand weiß, wo sich dieser Grabstein heute befindet...

An Wittmanns Ann erinnert das Schärjerlied, geschrieben von Helmut Flohr, ein Lied, das Ann mit viel Stolz auf die Vaterstadt und viel Gemüt darbot:

1. Strophe:
Die Spatzen im Weidchen, Die Fischlein im Rhein erfanden ein neues Lied.Zuerst stimmten fröhlich die Kinder mit einUnd dann sang das ganze Neuwied:

Refrain:Mir sein Naiwidder Schärjer seit über dreihundert Johr,Mir kennen käne Ärjer drum wären mit och net schroh.Bei uns is käner der letzteBei uns kimmt käner zuerschtOb de dünnste oder de fettsteBei uns es jeder en Ferscht.

2. Strophe:
Mir hann in Naiwidd en GeländervereinAn dem Club es alles dran.Wenn die mal e bißje benebelt seinFänge die zu singe an: Refrain: Mir sein Naiwidder Schärjer ...

3. Strophe:
Gar manch äner singt unser Schärjerlied,So gut wie er singe kannDoch am schienste singt et im BundesgebietNoch immer et Wittmans Ann

Refrain: Mir sein Naiwidder Schärjer ...

Quelle: "Von Frau zu Frau", Teil 1, herausgegeben vom Frauenbüro der Stadt NeuwiedAutoren: Ilse Schwalenberg und Bruno Zeitz